Schreibübungen

Hier gibt es keine Schreibübungen, sondern meine Ergebnisse von Schreib- und Fingerübungen, kleinere Geschichtchen, die aus aufflackernder Motivation heraus entstanden sind, mehr aber auch nicht. Gute, schlechte, interessante und verworrene Textschnipsel. Ich rühme mich nicht mit diesen Texten sondern zeige gerne auch Übungen, die nicht so gelungen sind oder die einfach zu kurz sind, um damit etwas anzufangen. Die meisten dieser Texte habe ich irgendwann mal in Foren veröffentlicht. Ich habe sie nicht mehr nachträglich korrigiert oder lektoriert sondern so belassen, wie ich damals dachte, dass sie gut seien. Hier ist nun alles zusammengetragen. Unter jedem Text habe ich in Kursivschrift eine Anmerkung meinerseits angefügt. Wer möchte, kann natürlich die jeweilige Übung, die ich dort gemacht habe, übernehmen und sich selber an der jeweiligen Thematik versuchen.
Viel Spaß beim Stöbern und/oder Üben.
PS: Auch wenn es nur Textschnipsel sind, so unterliegen alle nach wie vor meinem Urheberrecht, was eine unerlaubte Vervielfältigung (u.a. als Negativbeispiele) ausschließt. Möchte ihr etwas davon verwenden, so meldet euch bei mir.



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Staudamm
Unter Joe ging es einen halben Kilometer in die Tiefe. Alles, was ihn jetzt noch davon abhielt zu springen, war die Angst, dass das Seil nicht hielt. Denn es war nicht etwa so, dass er hier auf dem Staudamm mit einem professionellen Bungee-Team stand. Nein, ganz und gar nicht. Vielmehr hatte er sich einer Gruppe wahnsinniger Draufgänger angeschlossen, die meinten, den ultimativen Kick suchen zu müssen. Losgelöst von beengenden Konventionen und Regelungen ersuchte man diesen Ort, der für Touristen normalerweise gesperrt war, um den Rausch der Tiefe zu erfahren.
Leider schien das Seil genauso unkonventionell zu sein, wie die Leute, die es besorgt hatten. Irgendwem abgekauft, schon unzählige Male benutzt, aber Hauptsache billig.
Wie eine in die Jahre gekommene Schlange, der es zu mühselig war, sich noch ein letztes Mal zu häuten, lag es porös und fledderig zusammengerolt hinter Joe und wartete darauf, seinen letzten Dienst zu erweisen.
„Ich habe mich anders entschieden“, sagte der und machte einen Schritt zurück.
„Nada, amigo!“, raunte jemand hinter ihm und versetzte ihm einen Stoß ...


Dies war meine erste Übung im Forum zu Schreibaufgabe.de im Juni 2010. Es ging darum, den Begriff Staudamm in einem kurzen Text unterzubringen. Und das Ganze sollte möglichst spannend sein.

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Psycho
Meine Fingerkuppen sehen aus wie Wattekissen, alles rauscht und rauscht, eine halbe Ewigkeit schon. Das Rauschen verdrängt die Gespräche rund um Zimperlichkeiten, Missbrauch und andere Traumata in eine weit entfernte Realität. So wie jeden Tag. Was ich gehört habe bleibt draußen, unter der Dusche bin nur ich, ich alleine mit dem Wasser, das wie Trommelschläge auf mich eindonnert, um mich daran zu erinnern, dass ich wieder ich sein darf, nicht mehr der verständnisvolle Zuhörer.
Jeden Tag diese Prozedur nach der Arbeit. Meine Haut glüht, als ich die Duschwanne storchenschrittig verlassen. Kühle Nachtluft weht von irgendwoher. Komisch. Habe ich doch nicht alle Fenster zugemacht?
Mein Handtuch ist klamm vom Wasserdampf, der sich bereits als Regentropfen an der Decke abgesetzt hat.
Aus dem Wohnzimmer höre ich ein Rascheln. Mir stockt der Atem. In Gedanken spule ich die letzten Stunden zurück, gehe wieder unter die Dusche, es rauscht, verlasse die Dusche, ziehe mich an, verlasse das Badezimmer, schlendere durchs Wohnzimmer und werfe die "Psych.Pflege.Heute" auf den Couchtisch. Die Zeitschrift hängt herunter.
Meine Gedanken kehren zurück, ich lächle in mich hinein. Muss wohl runtergefallen sein.
Als ich plötzlich von nebenan ein Stöhnen höre halte ich im Haaretrocknen inne. Das war doch kein Stöhnen? Hier stöhnt doch keiner. Hab ich den Fernseher ... Da! Da ist doch etwas.
Auf meinem Rücken bildet sich Schweiß. Kalt ist es.
"Oooh!"
Luft, ich brauche Luft. Mir gleitet das Handtuch zu Boden. Egal. Ich brauche Luft, raus hier. Ich mache einen kleinen Schritt nach vorne, um durch den Türspalt zu lugen. Oh Mann, meine Brust bebt wie verrückt. Ich wusste gar nicht, dass das geht. Es tut richtig weh.
Durch den Tuspalt weht mir die kühle Luft entgegen, von der ich nicht weiß, wo sie herkommt. Außerdem aber ein Geruch nach altem Spüllappen, nach Kompost. Giftig, so dass ich instinktiv die Hand vor den Mund nehme.
"Aaaah!"
Wer ist da? Verschwinden Sie aus meiner Wohnung, oder ich rufe die Polizei! Dann gehe ich zu dem Einbrecher hin und schlage ihm mit dem Didgeridoo neben dem Sofa eins über Schädel.
Das würde ich gerne machen. Stattdessen stehe ich wie zur Salzsäule erstarrt nackt hinter der Tür, halte mir die Hand vor den Mund und versuche nicht zu hyperventilieren. Und wenn ich raus gehe? Er wartet schon auf mich, hinter der Tür, mit einem Messer, um mir die Gurgel aufzuschneiden. Genau wie bei dem Mann von Frau Kremer, die gerade bei uns in Behandlung ist.
"Oh ja! Oooh!"
Ich weiche wieder ins Bad zurück. Würde mich am liesbsten wieder unter die Dusche stellen, den Vorahng aus Wasser um mich schließen und alle Geräusche, einfach alles außen vor lassen.
Aber der Einbrecher rechnet damit, dass ich aus der Dusche komme. Es ist ja nicht zu überhören, wenn man das Wasser ausschaltet. Die alten Rohre gluckern dann.
Plötzlich ein Schrei! Scheiße. Ich gehe jetzt da raus. Etwas klirrt, eine Vase vielleicht. Nein, so etwas habe ich nicht. Gläser aus der Vitrine.
Ich hocke mich neben die Toilette, mache mich so klein wie es geht. Mein Kopf sinkt auf die Knie, ich halte mir die Ohren zu. Ich rieche gut. Und wie ein Eindringling schneidet der modrige Geruch des Einbrechers dazwischen, penetriert meine Nase; und wieder höre ich ihn aus dem Wohnzimmer stöhnen. Aber ich halte doch meine Ohren zu. Ich kann ihn nicht hören. Es sei denn ...
In der Erkenntnis ruckt mein Kopf nach oben. Doch es ist zu spät. "Oh ja", höre ich noch, ganz nah, als die Badezimmertür quietscht und Übelkeit sich ihren Bann bricht, um aus mir herauszukommen. Einfach so, auf den Boden, auf mich. "Hmmm", macht es von der Tür aus. Ich springe auf, rutsche auf meiner eigenen Kotze aus und falle rücklings wieder hin. Mit dem Kopf an die Toilettenschüssel, ein Schmerz wie ich ihn noch nie erlebt habe, überall. Ich bleibe liegen, alles dreht sich. Kotze unter mir. Ich versuche den Kopf zu heben, ein schmatzendes Geräusch, Blut breitet sich aus.
Alles verschwimmt. Die Tür reißt auf.
Aber da ist keiner. Da war nie einer. Nie.
Ich sollte die Arbeit vor der Haustür lassen.
Wieder wird mir schlecht, und warm. Müdigkeit überkommt mich, ich ...


Eine kleine Fingerübung aus dem Forum schreibfreunde-forum.de, geschrieben im Jahr 2013. Es ging darum, Schrecken zu erzeugen.

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Trauma
Im Auto herrscht Stille.
Der Verkehrslärm dringt gedämpft an meine Ohren, geht unter weil gewohnt. Ich bin erschöpft aber befinde mich im Fluss, fahre einfach, denke nicht nach, sondern lasse es geschehen.
Hinten schlummern die Kinder, meine Frau döst auf dem Beifahrersitz.
Der Urlaub istr vorbei. Rückfahrt in die Heimat. Schade. Oder endlich? Derselbe Zwiespalt wie jedes Mal. Der Alltag ruft. Manchmal kann’s ganz schön sein.
Wir haben viel erlebt, viel gesehen, viel gelacht. Einmal gab es Streit. Das gehört dazu, ist nicht weiter schlimm. Denn am Ende lieben wir uns.
Ich verlasse die Autobahn. Dicht befahrene Landstraße auf dem Weg nach Hause. Es herrscht immer noch Urlaubswetter. Schön. Die letzten Tage daheim erholen. Vom Urlaub.
Heute Abend bringen wir die Kinder früh ins Bett, damit noch etwas Zeit für uns ist. Zeit.
Meine Frau bringt den Großen, legt sich zu ihm, bis er schläft. Er mag das. Ich lese dem Kleinen eine Geschichte vor.
Und dann? Urlaubsfotos sichten, ich koche uns etwas Schönes. Einfach die Zweisamkeit genießen, den letzten Urlaubsodem atmen, der uns so locker, so entspannt macht. Bald wieder arbeiten, da muss man sich Zeit nehmen, sie ist nicht einfach da.
Aber auch das geht vorbei.
Ich fahre 70. Das reicht. Nicht zu schnell, nicht zu langsam. Ein gutes Tempo.
Aber es dauert noch, bis wir daheim sind.
Meine Augen kleben am Vordermann. Ein weißer Opel, ein Bremslicht ist defekt. Er muss die Birne wechseln.
Links und rechts säumen frisch gepflanzte Birken die Straße.
Die Zeit vergeht quälend langsam, alles scheint wie in Pudding, schwermütig, träge. Es ist nicht schlimm.
Auf der linken Spur fahren mehrere Autos hintereinander. Ein kleiner Sportwagen, ein Van. Dahinter ein Kombi.
Mein Vordermann biegt ab. Endlich. Ich fahre 80. Die Straße ist frei. Da vorne kommt mir ein LKW entgegen. Baustellenfahrzeug. Auf der Laderampe flattert eine Abdeckplane. Ob das so gehört?
Der LKW donnert an mir vorbei. Vor meinem Auto wirbelt ein Backstein durch die Luft. Als ich es bemerke, hat er schon mit einem Knall die Frontscheibe durchschlagen. Mit 80. Gottseidank, ich bin nicht getroffen, wir haben keinen Unfall gebaut.
Mein Herz rast, ich habe mich erschreckt. Ich fahre rechts ran, blicke zu meiner Frau und …
Schreie. Schreie. Vor Entsetzen. Nein! Das darf nicht sein! Schreie. Vor Ekel. Ihr Gesicht. Ich. Bin. Hier. Falsch. Die Kinder auf der Rückbank sind wach. Sie schreien, denn ich schreie, wie noch nie in meinem Leben. Sie haben Angst. Warum schreit Papa so? Warum? Alles. Ist. Vorbei.


Nach einer wahren Begebenheit.


Entstanden 2012, gepostet im Forum von schreibfreunde-forum.de und im Deutschen Schriftstellerforum.Diesen Text schrieb ich nach dem Betrachten eines verstörenden Videos in den Untiefen des Internets. Dieses Grauen musste ich irgendwie verarbeiten. Der Text an sich ist mangelhaft, wurde teils positiv und teils negativ aufgenommen. Besonders bemerkt wurde die unrealistische Reflektiertheit des Erzählers, das Erkennen des Backsteins sowie diverse Stilfehler.

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Der Unfall
Das Quietschen der Scheibenwischer holt mich in die Realität zurück. Links, rechts, links, rechts. In zackigen Bewegungen kratzt das Metall, wo vorher noch Gummis gewesen waren, über die splittrige Ausbeulung der Windschutzscheibe. Nieselregen verklärt die Sicht auf das, was passiert ist. Weiße Dampfschwaden überall, ich sehe nichts anderes, vielleicht bin ich im Himmel.
Aber im Himmel schmerzt das Atmen nicht. Ich atme flach, das Lenkrad drückt auf meinen Brustkorb.
Mein Kopf dreht sich nach rechts, einfach so, um nachzusehen, ob es meinem Mann gut geht. Der sitzt zusammengesunken und nach vorne gekippt da und sagt nichts. Ein roter Speichelfalden hängt ihm aus dem Mund und tropft ihm unablässig auf die Hose. Die Scheibenwischer kratzen, quietschen, immer wieder. Dazwischen mein Geschrei. Wach doch auf, bitte, wach doch auf!
Es riecht nach schmorendem Plastik. Ein Geruch, der der meine Hoffnung schwinden lässt, dass alles nur ein böser Traum ist. Im Traum riecht man nicht. Draußen hat sich der Nebel schwarz gefärbt, ganz so, als wäre ich nicht im Himmel, sondern in der Hölle. Aus dem Motorraum pulsieren dunkle Wolken.
Ich starre, bis die Düsternis von unten her hell aufleuchtet, dann zerre ich am Lenkrad, wippe vor und zurück, schlage darauf ein, versuche mich wie aus der Umklammerung eines Habichts zu winden. Mit den Füßen bleibe ich zwischen den Pedalen hängen, höre das Scheuern von Knochen an Metall. Aber es tut nicht weh. Nur das Atmen.
Durch die Lüftung schwappt Rauch wie flüssiger Teer, giftiger Geschmack legt sich auf meine Zunge.
Plötzlich bricht das Lenkrad unter meinen Bemühungen aus der Armatur, ich knalle mit dem Kopf auf den geborstenen Kunststoff.
Meine Lungen möchten durchatmen, einen tiefen Sog nehmen, doch ich lasse es nicht zu. Einen Moment spiele ich mit dem Gedanken, das Fenster runterzukurbeln, im Anblick der allumgebenden Schwärze erweist sich diese Idee jedoch als nutzlos.
Inzwischen speit der Motor Feuer, es wird heiß, noch stickiger. Meine Haut glüht, die Lüftungsschlitze schmelzen und tropfen auf meine Beine. Ich schreie.
Die Scheibenwischer sind in ihrer Bewegung erstarrt. Dafür höre ich jetzt das Feuer knistern und knacken, spüre, wie es sich Zentimeter für Zentimeter in meine Richtung frisst.
Ich ziehe mir den Pullover über die Nase, atme wenigstens ein bisschen tiefer ein und spüre gleich, wie sich die toxischen Dämpfe in meine Gehirnwindungen krallen.
Ich schmeiße mich gegen die Fahrertür.
Und sie springt auf.
Aber ich bin noch angeschnallt. Will mich abschnallen, doch das weiche Plastik gibt meinem Druck nach, es brennt. Der Rauch quillt ins Wageninnere, alles ist dunkel.
Ich habe verloren.
Ich ertaste die glühende Hand meines Mannes und …


Eine Schreibübung aus dem Jahre 2012. Thema war die Vielfältigkeit der Sinne. Sehen, Hören, Riechen, Schmecken, Fühlen - all dies sollte eindringlich gezeigt werden. Zu bemängelnde Kleinigkeiten gab es einige, die auch nachvollziehbar sind. Hier kann man in einem schönen Beitrag die Korrekturvorschläge sehen. Der erste Absatz ist übrigens durch den Film "A l'interieur" inspiriert. Eine der eindrücklichsten Anfangszenen eines (Horror)Films.

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