16. Dezember 2012

Ein chinesisches Mädchen

Ein chinesisches Mädchen

Meine Nase ist zu groß, ich könnte sie verkleinern lassen. Ich habe Augenringe, ich könnte mich schminken und mehr schlafen, aufhören zu rauchen, mich gesünder ernähren.
Bin ich zu dick, nehme ich ab, wirke ich schlaff, baue ich Muskeln auf.
Fast alle körperlichen Mängel lassen sich irgendwie beheben, um zufrieden mit sich zu sein. Ich könnte mich komplett rundum erneuern lassen und wäre noch immer derselbe. Natürlich, meine Persönlichkeit bliebe auch erhalten, obwohl … auch da gäbe es Möglichkeiten, sich auf der Bewusstseinsebene zu verändern.
Doch eine Sache bliebe immer gleich: meine Stimme. Ob sich da operativ etwas machen ließe weiß ich nicht, aber ich habe mal gelesen, das sei sehr riskant und nicht unbedingt von Erfolg gekrönt. Außerdem: Blutungen im Hals sind übel, wirklich.

Als ich in die Pubertät kam und sich meine Stimme hormonbedingt änderte, traf ich nach abgeschlossener Metamorphose einen Freund wieder, den ich offensichtlich länger nicht gesehen hatte. Als er sagte: „Boah, Kai, hörst du dich scheiße an“, wurde mir klar, dass ich ein Problem hatte. Ein Soundproblem sozusagen.
Ich dachte, diese fiese Umwandlung meiner Stimme wäre noch nicht abgeschlossen. Doch es blieb dabei: ich klang scheiße. Was war da los? Testosterone, auf zum Angriff! Leider schienen diese ihren Dienst quittiert zu haben, als sie merkten, dass ich ohnehin nie der typische Mann werden würde, weil ich auch nie der rollentypische Junge war.
Zur Bekräftigung ihrer Haltung blieb auch mein Bartwuchs bis heute löchrig.

Ich denke, jeder Mann wünscht sich eine sonore, tiefe Stimme. Das ist eindrucksvoll.
Meine Stimme scheint nicht jedem zu vermitteln, dass es sich bei mir um einen Mann handelt. Zumindest nicht am Telefon. Blöde Technik.
Re-gel-mäßig werde ich am Telefon mit Frau Seuthe angesprochen. Das war mal amüsant, inzwischen denke ich aber: ihr verdammten Pappnasen, wenn ihr die Haare auf meiner Brust sehen könntet würdet ihr euch in Grund und Boden schämen.
Vor kurzem geschah jedoch etwas, das mich an allem Zweifeln ließ, was ich bisher für Gut und Richtig hielt.
Kurz zu meiner Person: ich bin 29 Jahre alt, etwas gemütlicherer Statur, bin verheiratet, habe ein Haus und zwei Kinder. Ich stehe also mitten im Leben, bin trotz meiner seltsamen Stimme der Herr Seuthe.
Allerdings nicht für die Person, die ich letztens am Apparat hatte. Ich meldete mich wie gewohnt nur mit meinem Nachnamen. Vielleicht irritiert es die Leute, dass ich die letzte Silbe meines Namens betone, wenn ich mich melde. Dennoch kein Grund, folgende Frage zu stellen: „Hallo. Sind denn auch deine Mama oder dein Papa zu sprechen?“
Natürlich lachte ich darüber. Nein, ich lachte, um es ganz offen zu sagen, die Person aus. Das ist unhöflich, ich weiß, aber irgendwie war mir danach. Ha ha, du desinteressierte Dumpfbacke, hier ist der Herr des Hauses. Ganz schön peinlich für dich, oder?
Nun, ich habe der freundlichen Frau erklärt, dass meine Eltern nebenan wohnen und das Gespräch sanft beendet. Es ging ohnehin nur um ein Zeitschriftenabo.

Eins noch: Neben meiner Stimme sorgt auch mein Aussehen immer mal wieder für hanebüchene Spekulationen über meine Herkunft. Ich habe eine große Nase, große braune Augen, dunkle Haare. Bin halt ein dunkler Typ, das ist alles. Meine Familie kommt seit Generationen aus verschiedenen Teilen Deutschlands, ob sich im Stammbaum irgendwo etwas Südländisches verbirgt, kann man nicht mehr nachvollziehen.
Da ich beruflich mit vielen Menschen zusammenarbeite, kommt oft die Frage, ob ich nicht Türke sei. Oder Grieche. Nein, ich bin Deutscher Herkunft. Echt? Ja, wirklich. Quatsch. Oder ob ich Italiener sei. Nein? Hm … Aus dem Iran, Spanien? Alles schon dagewesen.
Und auch hier gab es die Krönung, die mich wiedermal an allem zweifeln ließ.
Ob ich denn aus China komme.
Wenn ich also demnächst angerufen werde, man mich mit „Ni Hao, meine Kleine. Gib mir doch mal die Mami“, begrüßt, dann weiß ich, was zu tun ist: mitspielen und ein Buch darüber schreiben.

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